Beim Malen spinne ich mir oft was zusammen, Gedanken, philosophische, fantastische, und bei manchen Bildern schreibe ich sie auf. Manchmal, beim, immer wieder das Bild anschauen, beim davor sitzen, den Gedanken Lauf lassen, manchmal während des Malens. Und manchmal, aber nur ganz wenig manchmal, übernimmt das Bild einen Gedanken, bevor ich ihn kapiert habe. Das Bild zeigt mir was, in dem Sinne, dass ich plötzlich einen bereits gemalten Ausschnitt, oder eine Farbe anders sehe, mit einem merkwürdigen Gefühl - es ist so, als würde man ein Geschenk kriegen, eine kleine Erleuchtung, ganz persönlich - aber von wem?
Angefangen hat die Geschichte mit diesem Bild in einer Buchhandlung. Kaum eine Woche nach der Papstwahl sehe ich dort ein Buch über Papst Benedikt XVI, ein Interview, das ganze Buch ein Interview.
Ich hab´s ziemlich betroffen wieder zugeklappt. Betroffen von den Aussagen des Papstes. Was mir dann alles durch den Kopf ging, das überspringe ich, jedenfalls setzte ich mich ins nächste Kaffeehaus und skizzierte Johanna Paula + Benedikta und die nackte, Bindestrich Wahrheit, oder Sünde, oder Menschheit? Nein - die Welt. Da ist alles drin, aber erst einmal nackt.
Johanna Paula + Benedikta mit zugerahmtem Gesicht, weiß, wie das Alles umgebende, göttliche Weiß des Hintergrunds doch wie die Welt, sind sie menschlich. Grün, symbolisch für Natur, ganz Allgemein. So zugehängt können sie Gott nicht sehen und nehmen trotzdem mit ihrer roten Masse, die gesamte Bildbreite ein. Bei mir ist Malen immer eine Sache von 2 Dimensionen, Länge und Breite. Der weiße Gesichts-Rahmen der Nonnen liegt auf derselben Ebene wie der Hintergrund, und die Pfeile. Im Prinzip ist das hier ein Farb-Spiel von Rot, Weiß und Grün, und ein wenig Blau. Die schwarzen Linien führen das Auge in die Irre, und die meisten von uns glauben, sie sehen Nonnen! Und eine Nackte! Die Welt „macht das Kreuz“ sie will vorwärts, sie will sich entwickeln, fließen. Im Kunsttherapeutischen Sinne ist rechts die Zukunft, das Rot zieht nach links, in Klammern, Vergangenheit. Alles stagniert. Auf keiner Seite ist für das Grün, Raum für Bewegung. Nur, Schrägstrich aber, mit einem Arm ragt es ins Göttliche, getrennt durch das Kreuz steht Johanna Paula in der Vergangenheit, Benedikta bedroht, wie es mir scheint den Vorwärtsdrang der Welt.
Hat man nicht den Eindruck, sie stellt ein Bein? Johanna Paulas Robe ist glatt, sie ist durch. Die von Benedikta flattert noch ein wenig, und sogar mit einer leichten Rechtsbewegung. Grün, sinnbildlich für Natur, Blau, sinnbildlich für den Himmel. Himmel und Erde, die Natur an sich, Menschen und Tiere. Die Welt. Das kleine schwarze Kreuz, bei zwei Figuren in Höhe der Brust. Das hat sich auch so ergeben. Interessanterweise, bei beiden auf der Brust nur, bei der einen oben, Richtung Hals, Kopf, Verstand, bei der anderen schlicht und einfach über dem Herzen. Die beiden roten Figuren sind in der oberen, der Verstandeshälfte, zwei stereotype Individuen, in der unteren, der Gefühlshälfte, zeigen all die wirren Pfeile in dieselbe Richtung, Tendenz nach unten, oder nach oben? Kann man nicht sagen, aber auf jeden Fall, gegen den Drang der Welt.
Zwei Pfeile ziehen, ganz konkret, einer am Arm, einer am Bein, in die Richtung, in die beiden Betschwestern schauen. - Boah. Der Benedikta umfassende Pfeil zeigt auch noch auf ihre Scham?! Ob das mit einem gestörten Verhältnis zur Sexualität zu tun hat? Ich weiß es nicht. Mit den Pfeilen war das auch so eine Geschichte: Eigentlich wollte ich sie massiv, und schwarz malen, sodass ich sie nach meinem Sinneswandel mehrmals neu grundieren musste, denn sie mussten, in Anführungszeichen, auf einmal weiß sein. Warum? Ich weiß es nicht, ich hab’s halt gemacht. Wenn ich jetzt drauf schaue, dann finde ich es total stimmig. Wenn Gott allgegenwärtig ist, dann ist er auch in den Pfeilen, in dem Rot, mag es noch so massiv sein. Das göttliche Weiß durchdringt Alles. Die logische Konsequenz daraus: Jeder hat einen direkten Draht zum lieben Gott. Ist das nicht eine schöne Erkenntnis?
Wenn ich mit der Leinwand anfange, ist das Bild an sich meist schon fertig. Ich habe oft schon viele Skizzen und Farbstudien gemacht, und deshalb ist es für mich immer ein Erlebnis, wenn das Bild, sozusagen: Eigenleben entwickelt, unabhängig von meinen Studien, unabhängig von meinen Skizzen, und auch mal die Farbe ändert, oder besser: die Farbe geändert haben will. Hört sich ganz schön abgefahren an, was?
Die Ohnmacht der Welt wird deutlich, weil das Blau des Himmels unten ist, und nach unten zeigt, und das Grün der Erde oben. Die Welt scheint fertig mit der Welt, doch dafür, ist sie doch noch „ganz gut in Schuss“ oder?

